053 Verhaltenstherapie und EMDR – Teil 1

Verhaltenstherapie und EMDR – Teil 1

Was sind Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Hinblick auf Verhaltenstherapie und EMDR? In der EMDR Ausbildung wird diese Frage regelmäßig gestellt. Auch bei Telefonanfragen geht es gelegentlich um eine Frage wie: „Ich habe Angst, vor vielen Leuten frei zu sprechen. Soll ich das lieber mit Verhaltenstherapie angehen oder mit EMDR? Von beidem habe ich etwas gehört. Was raten Sie mir? Die nächste Rede ist in 6 Wochen und ich frage mich, wie ich das hinbekomme.“

Wie du sicher bereits in den vorangegangenen Folgen bemerkt hast, geht es mir nicht um ein Entweder – Oder. Ich möchte dich aufmerksam machen auf die Gemeinsamkeiten beider Wege und was sie unterscheidet. Das gibt dir mehr Klarheit darüber, wann du was nutzen oder weiter empfehlen möchtest für deine Klienten.

Als HeilpraktikerIn, Coach oder BeraterIn hast du vermutlich einige Grundkenntnisse über Verhaltenstherapie. Schließlich ist sie in Deutschland die am häufigsten eingesetzte und wissenschaftlich am meisten untersuchte Psychotherapieform. Du hörst in diesem Zusammenhang auch Begriffe wie behavioristische Therapie und kognitive Therapie. Behavioristisch heißt sie, weil sie auf die Veränderung von Verhalten (behavior) zielt. Kognitiv meint Veränderung von Gedankenmustern. Mittlerweile sind die ursprünglich verschiedenen Ansätze verschmolzen.

Wenn du dich mit EMDR noch nicht näher auskennst, erfährst du im Blog in der Kategorie EMDR Ausbildung mehr dazu.

Was erwartet dich in: Verhaltenstherapie und EMDR?

Da es viele wertvolle Impulse für Coaching mit EMDR aus der Verhaltenstherapie gibt, beginnen wir hier im ersten Teil mit der Erinnerung an einige „Basics“.

Wir beschäftigen uns heute mit

  1. Grundannahmen von Verhaltenstherapie
  2. Klassische Konditionierung
  3. Operante Konditionierung
  4. Modelllernen

Dabei prüfen wir, wann und wie diese Kenntnisse im EMDR nützlich sind und Einzug finden können.

 

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3 Grundannahmen von Verhaltenstherapie und EMDR

Hier eine kurze Gegenüberstellung:

1. Grundannahme

Verhaltenstherapie: Störungen haben ihre Ursache im fehlerhaft erlernten Verhalten und einer Anpassung an innere und äußere Reize.

Bleiben wir bei dem Beispiel aus dem Telefonat. Die Klientin mit der Angst vor dem freien Sprechen vor Publikum. Äußerer Reiz ist die bevorstehende Rede, die sie in 6 Wochen halten soll. Innerer Reiz ist wachsende Unruhe und diverse andere unangenehme Gefühle beim Gedanken daran.

EMDR: Störungen haben ihre Ursache in früheren Erfahrungen, in denen das Gehirn unter Stress stand und daher die damit verbundenen Informationen nicht adäquat verarbeiten und einsortieren konnte.

In unserem Klienten-Beispiel stellte sich im Rahmen von Anamnese heraus, dass die Klientin freies Reden bis vor zwei Jahren noch gut hinbekam. Als ich beiläufig fragte, was es vor zwei Jahren für Veränderungen im Leben gegeben hat, war es die schwere Erkrankung des Mannes. Mit den Sorgen und der Belastung stellte sich zusätzlich die Angst vor freiem Sprechen ein. Beigetragen zur Angst hat auf jeden Fall eine Irritation im Nervensystem durch die veränderte belastende Situation.

2. Grundannahme

Verhaltenstherapie: Neue Lernprozesse können unerwünschtes Verhalten verändern. Die unterschiedlichen Wege eines solchen Lernprozesses stelle ich in der nächsten Folge vor.

EMDR: Die Verarbeitung von isolierten Informationen unter Mitwirkung von Stimulation der beiden Gehirnhälften kann bewirken, dass sich die bisher isolierten, dysfunktionalen neuronalen Bereiche im Gehirn mit den Wissens- und Fähigkeitsbereichen verbinden und damit neues Denken und neues Verhalten möglich wird.

3. Grundannahme

Verhaltenstherapie: Dysfunktionale Gedankenmuster können Verhaltensstörungen verursachen bzw. verstärken.

Diese Grundannahme gilt auch für EMDR.

Verhaltenstherapie und EMDR – Gemeinsamkeiten anhand von Begriffen aus der Verhaltenstherapie.

Ein Blick auf die folgenden Themen lohnt sich, weil du dadurch deinen Klienten Manches besser erklären kannst.

Klassische Konditionierung

Die klassische Konditionierung ist dir sicher bekannt. Stichwort Pawlowsche Hunde. Körperreaktionen können durch künstliche Reize ausgelöst werden. Wenn Hunde Fressen erwarten, sondern sie Speichel ab. Das ist eine unkonditionierte Reaktion. Das Fressen ist unkonditionierter Stimulus für den Speichelfluss. Die Gabe des Fressens wurde dann mit einem Glockenton verbunden (konditionierter Stimulus). Nach einiger Zeit löste allein der Glockenton den Speichelfluss bei Hunden aus. Das ist eine konditionierte Reaktion.

Beim EMDR geht es darum, Auslöser für unerwünschte Reaktionen ausfindig zu machen. Sogenannte Trigger. Kenntnis zu haben von Konditionierungsprozessen ist sehr hilfreich. Wenn wir beim EMDR nach der Anamnese und nach der Vorbereitung beschlossen haben, EMDR ist sinnvoll. Dann erfassen wir im nächsten Schritt alles, was zu dem speziellen Thema gehört, das der Klient mitgebracht hat. Symptome einschließlich Körperreaktionen und geändertem Verhalten sowie die Auslöser.

In unserem Beispiel: bereits das Schreiben bzw. die Email zum neuen Rede-Termins (Trigger) löste Gedanken und Bilder von zitternden Knien, Stottern, Hitzegefühl etc. aus.

Operante Konditionierung

Diese Annahme aus dem verhaltenstherapeutischen Ansatz bezieht sich auf verschiedene Arten von Verstärkung eines Verhaltens.

Positive Verstärkung:

Ein natürliches Verhalten wird häufiger ausgeführt, wenn es eine positive Verstärkung erfährt. Z. B. Belohnung. Je regelmäßiger die Verstärkung erfolgt, desto nachhaltiger wirkt sie. Besonders nachhaltig sind überraschende und unerwartete Verstärker.

Negative Verstärkung:

Eine unangenehme Reaktion wird durch einen Reiz vermindert. Z. B. bei Verspannung, Nackenschmerzen. Spezielle Übungen anzuwenden verringern die Verspannung und Nackenschmerzen. Die Übungen sind ein negativer Verstärker, weil sie Schmerz reduzieren.

Vermeidungsverhalten ist eine solche negative Verstärkung. Sie vermindert zumindest erst einmal die unangenehme Reaktion. Die Klientin aus unserem Beispiel hatte tatsächlich erwogen, die Veranstaltung abzusagen, wo sie die Rede halten sollte. Dann entschied sie sich doch anders.

Weitere wichtige Begriffe aus der Verhatlenstherapie

Bestrafung:

Ein negativer Reiz wird gesetzt, der z. B. Schmerz auslöst. Beispiel: Eine Woche Fernsehverbot wegen eines störenden Verhaltens.

Löschung:

Ein positiver Reiz wird weggenommen. „Liebesentzug“ bei unerwünschtem Verhalten. Wenn du das tust, hat die Mama dich nicht mehr lieb.

Die Kenntnis dieses Ansatzes ist nützlich für EMDR. Wir haben vermutlich alle im Rahmen unseres Heranwachsens, später im Arbeitsleben oder sogar in der Partnerschaft gewollt oder ungewollt Konditionierung erfahren. Mittels bewusstem oder auch unbewusstem Einsatz von diversen Verstärkern durch Erzieher, Familienmitglieder, Vorgesetzte, Kollegen, Partner und Freunde.

Wenn wir von diesen Mechanismen Kenntnis haben, können wir besser begleiten. Auch im EMDR.

Modelllernen

Von Kindheit an lernen wir durch Vorbilder und ahmen Verhalten nach. Durch unsere sogenannten Spiegelneuronen sind wir dazu prädestiniert.

Wir nehmen das, was wir sehen und erleben auf und verinnerlichen es – ob wir es wollen oder nicht.

Ganze Verhaltensmuster können wir auf diese Art unbewusst übernehmen. Natürlich haben wir auch die Gelegenheit, bewusst Vorbilder zu wählen, uns daran zu orientieren und bestimmte Handlungsweisen zu übernehmen.  Das geschieht in der jugendlichen Phase auch in Peergroups, später dann in Vereinen oder Gruppen am Arbeitsplatz. D.h. Modelllernen findet sowohl von Einzelpersonen als auch von Gruppen statt, denen man zugehörig sein möchte.

Beim EMDR unterstützt dieses Wissen das Verständnis bestimmter unerwünschter Verhaltensweisen. Das ist auch für Klienten entlastend, zu erfahren. Er oder sie ist nicht ver-rückt oder krank. Sondern es handelt sich um nachvollziehbare Mechanismen. Die glücklicherweise verändert werden können.

Auch in der Ressourcenarbeit im EMDR sowie bei manchen Interventionen nutzen wir das Wissen um Modelllernen. Wenn wir im Rahmen von Ressourcenarbeit herausgefunden haben, dass für die Klientin der Vater ein geliebtes Vorbild aus der Kindheit war, kann ich u. U. im Rahmen der Verarbeitung fragen: und wie würde dein Vater die Situation angehen? Die Klientin hat durch Modelllernen durchaus verinnerlicht, was er wie tun würde. Dadurch findet sie eine neue Handlungsoption oder Sichtweise, die sie nutzen kann (oder auch nicht).

Bevor ich zur Zusammenfassung komme. Möchtest du mehr wissen über EMDR? Wie es funktioniert und wie du lernen kannst, es sicher im Coaching anzuwenden? Dann gehe auf https://heartify.life/webinar-emdr und sichere dir einen Platz im Gratis-Webinar.

Zusammenfassung:

Verhaltenstherapie und EMDR haben viel gemeinsam bzw. die Kenntnis von verhaltenstherapeutischen Grundlagen ist für die Praxis des EMDR sehr hilfreich.

Dazu gehören die Grundannahmen aus der Verhaltenstherapie

  1. Störungen haben ihre Ursache im fehlerhaft erlernten Verhalten und einer Anpassung an innere und äußere Reize.
  2. Neue Lernprozesse können unerwünschtes Verhalten verändern.
  3. Dysfunktionale Gedankenmuster können Verhaltensstörungen verursachen bzw. verstärken.

Begrifflichkeiten und ihre Bedeutung in der Verhaltenstherapie, deren Kenntnis für EMDR von Vorteil ist:

Klassische Konditionierung mit den Themen unkonditionierter und konditionierter Stimulus von Reaktionen. Das entspricht beim EMDR den sogenannten Triggern (Auslösern) für unerwünschte Reaktionen und Verhaltensweisen beschäftigen.

Aus der operanten Konditionierung – wie Verhalten verstärkt werden kann kennt die VT positive und negative Verstärker. Negativer Verstärker ist z. B. ein Schmerz, der weggenommen wird. Dann gibt es die Bestrafung als Konditionierungsform und die Löschung – das Wegnehmen von etwas angenehmen oder für die Person wichtigem (z. B. Liebesentzug)

Modelllernen durch Vorbilder und Nachahmung. Das findet sowohl von Einzelpersonen als auch in Gruppen statt. Bewusst oder unbewusst. Es kann hilfreich sein oder auch nicht. Diesen Mechanismus im Hinterkopf zu haben kann immer wieder wertvolle Impulse fürs Coaching mit EMDR geben. Im positiven Sinn nutzen wir den Modelllern-Gedanken z. B. in der Ressourcenarbeit.

Da es immer wieder Situationen im Coaching gibt, wo es Sinn macht das eine oder andere zu erklären im Sinne von Psychoedukation sind die Kenntnisse aus der Verhaltenstherapie nützlich.

Nächstes Mal vertiefen wir die Ansätze aus Verhaltenstherapie und EMDR weiter.

Bis dahin mit kollegialen Grüßen!

Kathrin (Stamm)

About the Author

Mach es DIR leichter anderen zu helfen! Mit diesem Motto hat Kathrin Stamm viele hilfreiche Tipps und Tricks auf Lager, wie du als Coach und Berater mehr Leichtigkeit in dein Leben und das deiner Klienten bringst. Hol dir die Praxistipps direkt aufs Ohr mit ihrem Podcast https://heartify.life/podcast-coachingoase

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