052 Klientenzentrierte Gesprächsführung und EMDR

Klientenzentrierte Gesprächsführung und EMDR – Unterschiede und Gemeinsamkeiten

In der aktuellen Folge geht es um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Hinblick auf die klientenzentrierte Gesprächsführung und EMDR. Etliche Teilnehmer meiner EMDR Ausbildungen nutzen gerne und in vielen Fällen erfolgreich die klientenzentrierte Gesprächsführung nach Carl Rogers. Manches davon ist sehr hilfreich für das EMDR. Es gibt jedoch auch ein paar Stolpersteine dabei.

Wie bei der letzten Folge Wingwave und EMDR geht es mir nicht um ein Entweder – Oder. Mir ist wichtig zu zeigen, welches Vorgehen in welchen Situationen welche Ergebnisse bringt. Damit du als erfahrene Kollegin schneller Klarheit hast und leichter entscheiden kannst, wann du was einsetzen willst.

Ich setze einfach voraus, dass du als HeilpraktikerIn, Coach oder BeraterIn mit den Grundprinzipien der klientenzentrierte Gesprächsführung vertraut bist. Vielleicht ist diese Art der Gesprächsführung in Heilpraktikerkreisen eher unter dem Namen Gesprächsttherapie nach Rogers bekannt. Ich nutze hier beide Begriffe im Wechsel. Einiges davon wendest du vermutlich selbst an.

Wenn du dich mit EMDR noch nicht so ausgiebig beschäftigt hast, kannst du im Blog in der Kategorie EMDR Ausbildung mehr dazu erfahren.

Was erwartet dich in: Klientenzentrierte Gesprächsführung und EMDR?

Wir befassen uns mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Gesprächstherapie oder klientenzentrierte Gesprächsführung und EMDR.

Manchmal ist es spannend vom Bekannten Terrain (Gesprächstherapie) aus mehr über das noch weniger Bekannte (EMDR) zu erfahren. Oder auch anders herum. Vom weniger vertrauten EMDR auf Vertrautes wie die Elemente der Gesprächstherapie zu schauen.

Dadurch wird das noch unbekannte vertrauter und im Vertrauten findest du neue Facetten, die vielleicht sogar neue Handlungsspielräume in deinem Coaching eröffnen.

So lernst du vielleicht die Themen

  • Uneingeschränkte Wertschätzung
  • Empathie
  • Kongruenz

sowie die 3 Schritte des aktiven Zuhörens nach Rogers aus dem Blickwinkel des EMDR-Anwenders anders kennen und schätzen.

Wir gehen näher auf das Thema Rapport ein.

Und zuletzt liegt mir besonders am Herzen dir das Thema Retraumatisierung in diesem Zusammenhang näher zu bringen.

 

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Mehr Beiträge über EMDR findest du in der Kategorie EMDR Ausbildung.

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Klientenzentrierte Gesprächsführung und EMDR – Gemeinsamkeiten.

Die Grundhaltung beim Arbeiten mit EMDR ist genau wie in der sogenannten Gesprächstherapie die humanistische Grundhaltung:

Jeder Mensch hat die natürliche Neigung, sich optimal zu entwickeln, wenn er die Chance dazu erhält.

Unterstützung ist in dem Fall grob gesagt „Hilfe zur Selbsthilfe“.

Es geht nicht darum, dass etwas krank oder kaputt ist, das ersetzt und repariert werden muss. Wie etwa bei einem Auto, das man in die Werkstatt bringt. Die Haltung ist nicht „Ich finde den Fehler bei dir und repariere ihn dann oder sage dir, wie du ihn reparieren musst.“ Sondern eher: „Nimm mich mit auf die Entdeckungsreise, was für ein Wunderwerk in dir steckt und was du daraus machen möchtest.“

Erstes Prinzip: uneingeschränkte Wertschätzung

Das vorbehaltlose Annehmen dessen, was der Klient sagt ohne es in Frage zu stellen. So gehört es beispielsweise mit zur Anamnese beim EMDR, die eigene Entstehungstheorie zum Thema des Klienten zu erfragen. Und diese nicht zu diskutieren oder zu hinterfragen. Im Laufe des Prozesses mag sich diese Sicht durchaus ändern. Dann ist es jedoch eine von innen gewonnene neue Einsicht. Und nicht das, was ich für richtig oder gar ursächlich halte.

Zweites Prinzip: Empathie

Empathie, das zweite Prinzip der Gesprächstherapie, ist ebenfalls Basis für EMDR. Damit ist gemeint, dass ich verstehen und nachvollziehen kann, was im Klienten abläuft. Dass ich mitbekomme, welche Gefühle und Gedanken ihn oder sie bewegen. Ohne dass ich das gleiche empfinden oder denken muss. Gerade weil beim EMDR Erinnerungen auftauchen, die im noch unverarbeiteten Zustand nicht in Worte zu fassen sind für den Klienten, spielt feine Wahrnehmung und Empathie eine große Rolle.

Drittes Prinzip: Kongruenz

Kongruenz, das dritte Prinzip in der Gesprächstherapie, bedeutet authentisch oder echt sein. D.h. als Begleiter verstelle ich mich nicht und überspiele, wenn ich z. B. den Gedanken habe, dass es für EMDR noch nicht der richtige Zeitpunkt ist. Sondern ich spreche es auch und begründe es. Oder wenn ich den Eindruck habe, dass es zu früh oder zu konfrontierend ist, mit der Verarbeitung zu beginnen, spreche ich auch das aus und mache den Vorschlag, mehr Ressourcenarbeit vorzuschalten, weil auch ich mich dann wohler fühle. Ich habe noch nie erlebt, dass das Klienten irritiert hat. Im Gegenteil. Sie schätzen die offene ehrliche Art. Das kannst du also durchaus deinen Klienten zumuten. Natürlich setzt es voraus, dass du dies wertschätzend kommunizierst und nicht urteilend. Urteilend und direktiv wäre ein Satz wie „Du bist noch nicht so weit, dass wir mit der Verarbeitung beginnen können. Darum machen wir lieber xy.“ Stattdessen mit kongruenter Wertschätzung: „Ich habe Bedenken, ob es eine gute Idee ist, direkt mit der Verarbeitung zu beginnen. Meine Erfahrung ist, dass die Verarbeitung angenehmer, einfacher und wirkungsvoller verläuft, wenn du vorher ausreichend die Ressourcennetzwerke aktivierst. Dazu schlage ich vor… Was hältst du davon?“

Stichwort: Rapport

Sowohl zur klientenzentrierten Gesprächstherapie als auch zum EMDR gehört ein guter Rapport als Basis. Was ist das? Nicht alle kennen den Begriff, wohl aber, was er beschreibt. Damit ist gemeint eine vertrauensvolle Klient-Begleiter-Beziehung auf Gegenseitigkeit. Ich betone – auf Gegenseitigkeit. Der Klient vertraut mir und kann sich daher öffnen und ansprechen, was wichtig ist für mich zu wissen, um ihn adäquat zu begleiten. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass ich ihm oder ihr vertrauen kann, dass er das auch tut. Sonst kann ich nämlich nicht begleiten. In der Anamnese gibt es beim EMDR einen Punkt Rapport. Das ist der Moment wo ich in mich hineinspüre, ob wir Rapport haben oder nicht. Und der Stichpunkt erinnert mich daran, dies auch auszusprechen und zu klären.

Ein Beispiel: Beim EMDR vereinbaren wir vor Beginn der Verarbeitungsphase ein Stopp- und ein Weiter-Signal. Wenn er oder sie das Stopp-Signal setzt, höre ich sofort mit der Stimulation auf. Ohne wenn und aber. Auch ohne Begründung. Es kommt nicht oft vor. Aber wenn es vorkommt, ist es wichtig, dass du das beachtest ohne Ausnahme. Wenn ich jetzt einfach weitermachen oder anfangen würde zu diskutieren, dass wir ja kurz vor dem Durchbruch seien oder ähnliches, wird das Vertrauen gebrochen. Das gleiche gilt, wenn ich bei der Verarbeitung eine Pause einlege und der Klient gibt das Weiter-Signal. Dann bin ich froh darüber, dass er mir das Signal gegeben hat, dass er gerade weiter im Prozess bleiben möchte. Und mache kommentarlos weiter. Nichtbeachten oder Diskussion darüber brächte ihn nur aus dem Prozess.

Manche Klienten sind es nicht gewohnt, so ernst genommen zu werden. Dann ist das eine wichtige Erfahrung auf der Meta-Ebene: Es ist normal, dass meine Bedürfnisse wahrgenommen und beachtet werden.

Unterschiede von klientenzentrierter Gesprächsführung und EMDR

Du kennst sicher aus der klientenzentrierten Gesprächsführung nach Rogers die drei Elemente des aktiven Zuhörens:

  1. Aufnehmendes Zuhören. Du hörst aufnehmend und wertschätzend zu und gibst eher nonverbale Signale. Mit Mimik, Gestik, Blickkontakt, Nicken, Neigung des Oberkörpers und nicht zuletzt mit dem „sozialen Grunzen“: aha, hmm, pffft…
  2. Paraphrasieren: Du wiederholst die Worte, die der Klient gesagt hat. Habe ich dich richtig verstanden, …? Du findest also, dass…
  3. Verbalisieren: Du wiederholst mit eigenen Worten, was der Klient gesagt hat und gehst dabei gleichzeitig auf möglicherweise darunter liegende Emotionen und Befindlichkeiten ein. Z. B. Bist du traurig, weil du gehört hast…? Du bist enttäuscht, wenn du siehst, dass…

Jetzt kommen wir zu einigen entscheidenden Unterschieden.

Das aufnehmende Zuhören kommt beim EMDR zum Tragen zu Beginn beim Kennenlernen und während der Verarbeitung (EMDR Phase 4).

In der Anamnese und Vorgehensplanung sammelst du eher Stichpunkte. Hier gilt es eine kleine Gratwanderung zu unternehmen. Natürlich müssen manche Dinge ausgesprochen werden. Andererseits verweise ich gerne darauf, dass es hilfreicher ist, später im Verarbeitungsprozess die Erinnerung mit der Stimulation zu verbinden, um sie zügig zu verarbeiten. Das spart Zeit und Nerven.

Insofern ist die Gesprächsführung in der Vorbereitung eher konzentriert, geführt und zielgerichtet. Ich verschaffe mir einen Überblick über die Klienten- und themenrelevanten Punkte. Darüber kläre ich ebenfalls kurz auf, denn manche sind aus anderen Kontexten gewohnt, viel zu erzählen.

Achtung: Retraumatisierung!

Davor haben viele Angst und zwar zu Recht. Was nämlich im ungünstigen Fall passieren kann in der reinen Gesprächstherapie: Durch das Sprechen über die Erinnerung können die inneren Bilder einer traumatischen Erfahrung wieder lebendiger werden. Das führt zu Überwältigung bis hin zu Retraumatisierung.  Retraumatisierung bedeutet, dass man den gleichen Schmerz wie damals nochmal neu durchlebt mit allen Folgen auch über längere Zeit.

Damit sind wir bei dem Hauptunterschied zwischen klientenzentrierter Gesprächsführung und EMDR.

Ich persönlich finde es unnötig und fast schon unzumutbar zu erwarten, dass ein Klient eine heftige Trauma-Erinnerung allein durch ein Gespräch verarbeiten kann.

Stattdessen durch strategisches Vorgehen das Gehirn unterstützen und in die Lage zu versetzen zu Selbstregulation halte ich für zielführender und hilfreicher. Vorausgesetzt die Bedingungen für EMDR sind erfüllt.

Leider ist es nie auszuschließen, dass im Rahmen eines tiefer gehenden begleitenden Gesprächs unerwartet etwas Überwältigendes aufpoppt.

Weil mir das in meiner jungen Praxis einige Male passiert ist, habe ich mich entschlossen, die EMDR Ausbildung zu machen. Damit ich

  1. besser Vorsorge betreiben kann, dass das gar nicht passiert
  2. Klienten besser auffangen kann, wenn es passiert und
  3. auch diese Themen besser und wirkungsvoller unterstützen kann.

Damit ich das gewährleisten kann, benutze ichim Rahmen von EMDR kaum Paraphrasierung und Verbalisierung. Ich rate auch den Teilnehmern der EMDR Coach Ausbildung, diese beiden Methoden erst Mal zu vergessen. Was übrigens leichter gesagt, als getan ist.

Das gilt besonders für die Phase 4 im EMDR, die Verarbeitung mit der Stimulation. In dieser Phase empfiehlt sich aktives Zuhören und gleichzeitig stimulieren. Manchmal sprechen Klienten währenddessen viel, manche auch nicht. Oftmals sind unverarbeitete traumatische Erinnerungen nicht mit dem Sprachzentrum verknüpft. Es muss nicht gesprochen werden. Dennoch frage ich in kleinen Pausen zwischendurch nach. Im Sinne von „Was ist aufgetaucht?“ oder „Wo bist du gerade?“ oder „Was hat sich verändert?“  Mit ein bisschen Geduld und fortschreitender Verarbeitung können Worte gefunden werden. Meist wiederhole ich nur aus dem letzten Satz einen Teil (und den wortwörtlich), um dann weiter zu gehen. Alles andere stört den Fluss im Prozess. Es handelt sich ohnehin um „Zwischenergebnisse“. Die Verarbeitung geht noch weiter. Weitere Feinheiten und Einzelheiten dazu lernst du in der EMDR Ausbildung.

Zusammenfassung

EMDR und Wingwave haben einen gemeinsamen Kern.

Die drei großen Grundhaltungen uneingeschränkte Wertschätzung, Empathie und Kongruenz kannst du 1:1 mitnehmen ins EMDR. Sie sind sogar eine enorm wichtige Basis.

Auch der Rapport, das gegenseitige Vertrauen, ist die Basis für EMDR. Ohne Rapport kein EMDR!

Von den 3 Schritten des aktiven Zuhörens profitierst du beim EMDR am meisten vom aufnehmenden Zuhören.

Sparsam einsetzen kannst du den 2. Schritt des aktiven Zuhörens, das Paraphrasieren. Also das wiederholen, was der Klient gesagt hat. Sehr wirkungsvoll ist es während der Verarbeitung im EMDR lediglich den letzten Satz oder sogar nur das letzte Wort zu wiederholen, um zu weiteren Assoziationen für die Verarbeitung zu ermuntern.

Den 3. Schritt des aktiven Zuhörens, das Verbalisieren, also auf das einzugehen, was unter den Worten des Klienten liegt, kannst du in der Phase der Bewertung beim EMDR, also kurz vor dem Prozessieren. Ansonsten kannst du weitgehend darauf verzichten. Es bringt Klienten beim EMDR tendenziell eher aus dem Konzept und aus dem Verarbeitungsflow im eigenen Inneren, wenn sie über deine Ideen und Gedanken nachdenken sollen.  Ausnahmen bestätigen die Regel. Bei der Ausbildung ist es hilfreich, es zunächst ohne Verbalisieren zu versuchen und die Ergebnisse davon zur Kenntnis zu nehmen. Das bringt manche Überraschung.

Grundsätzlich besteht beim reinen gesprächstherapeutischen Vorgehen immer die Gefahr der Retraumatisierung, wenn man auf ein Überwältigungsthema stößt und dort lediglich mit Worten versucht in die Lösung zu gehen. Das Gehirn steht durch eine sehr lebendige Erinnerung an ein altes Trauma erneut unter extremen Stress. Es kann so zu keiner gesunden Neuorganisation kommen. Schlimmer noch, die KlientIn kann dissoziieren. Das bedeutet innerlich wegdriften, wie abwesend zu sein, sich und den Körper nicht mehr spüren zu können. Ein Schutzmechanismus während Trauma-Erfahrung, um die Verletzung nicht so spüren zu müssen. Das darf jedoch im Kontext von Coaching oder Therapie nicht passieren.

Daher rate ich meinen Klienten, wenn wir auf so ein Thema stoßen, nicht mit dem Gespräch in die Tiefe zu gehen. Gegebenenfalls nutzen wir direkt Stabilisierungstechniken, Interventionen, die im Hier und Jetzt verankern. Außerdem ist gründliche Ressourcenarbeit zur Vorbereitung wichtig. Wenn alles gründlich vorbereitet ist und es schließlich mit der Stimulation im Rahmen der 4. Phase von EMDR zur Verarbeitung kommt, kann natürlich über alles gesprochen werden oder auch nonverbal verarbeitet werden. Denn es wird gleichzeitig durch die Stimulation der beiden Hirnhälften zurechtgerückt, eingeordnet in die Vergangenheit und damit die emotionale Ladung genommen. Daher halte ich klassische Gesprächstherapie für Trauma-Themen ungeeignet, ja sogar für gefährlich. Siehe Re-Traumatisierung.

Möchtest du mehr über EMDR kennenlernen? Dann lade ich dich zum kostenfreien Webinar ein https://heartify.life/webinar-emdr. Erfahre weitere Details zu Wirkfaktoren und Ablauf von EMDR sowie der EMDR Ausbildung. Zudem bekommst du drei direkt umsetzbare Praxistipps, die dir deine Coaching-Praxis leichter machen – unabhängig von der EMDR Ausbildung. Melde dich direkt an 😉

 

Bis dahin mit kollegialen Grüßen!

Kathrin (Stamm)

About the Author

Mach es DIR leichter anderen zu helfen! Mit diesem Motto hat Kathrin Stamm viele hilfreiche Tipps und Tricks auf Lager, wie du als Coach und Berater mehr Leichtigkeit in dein Leben und das deiner Klienten bringst. Hol dir die Praxistipps direkt aufs Ohr mit ihrem Podcast https://heartify.life/podcast-coachingoase

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