024 EMDR – Wie geht das mit dem Winken?

Podcast Coaching Oase Heartify Folge 024: EMDR – wie geht das mit dem Winken? Hm ganz so einfach, wie es klingt ist es dann auch wieder nicht. Ja, es stimmt, dass die wechselseitige Stimulation der beiden Hirnhälften z. B. durch Winken vor den Augen ein Wirkfaktor ist, wenn es darum geht, Belastungen aufzulösen und neue Ansätze zu entwickeln. Nachdem wir uns in der letzten Folge 023 die Entstehungsgeschichte und Grundannahmen zur Wirksamkeit, also das „Was“ angeschaut haben, schauen wir uns heute  das „Wie“ des EMDR an.

Inhalt „EMDR – Wie geht das mit dem Winken?“

Du lernst heute

  • etwas über die Grundkomponenten des EMDR
  • mehr zum Ablauf einer EMDR Sitzung, Phasen 1-3 (von 8 Phasen gesamt)

Ich lade dich herzlich in die geschlossene Facebookgruppe ein, in der wir das Thema gemeinsam vertiefen und weiter diskutieren können: https://www.facebook.com/groups/Heartify.life/

Die Shownotes findest du unter dem Audio.

Hier kannst du Folge 024 hören:

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Shownotes zu Folge 024:

Die erste Podcast-Folge zu EMDR findest du hier.

Die erwähnte Folge „Wissen wie die Psyche tickt“ – Psychoedukation – findest du in Folge 003.

Für die 24 täglichen kurzen Wachstumsimpulse im Podcast von Dezember 2017 sind leider vorbei. Du kannst sie jedoch im Podcast Coaching Oase Heartify noch nachhören: Folgen A01 – A024.

Ich lade dich herzlich in die geschlossene Facebookgruppe ein, in der wir das Thema gemeinsam vertiefen und weiter diskutieren können.

Zusammenfassung: EMDR – wie geht das mit dem Winken?

Wiederholung: EMDR – Wortbedeutung:

Eye Movement Desensitisation and Reprocessing. Was so viel bedeutet wie Desensibilisierung und Neustrukturierung durch Augenbewegung.

Dass sich mittlerweile auch viele andere Stimulationsformen der beiden Hirnhälften durchgesetzt und wirksam gezeigt haben – auch darüber sprachen wir bereits.

Die 8 Phasen des EMDR nach Francine Shapiro

Hier eine erste Übersicht über die 8 Phasen des EMDR-Prozesses

  1. Anamnese
  2. Vorbereitung mit Erklärung von Ablauf und Theorie, Testen der Stimulationsarten und Ressourcenarbeit
  3. Auswahl des Themas und Bewertung
  4. Verarbeitungsphase (Desensibilisierung, Reprozessieren) mit abschließender Beurteilung
  5. ggf. Verankerung des Ergebnisses
  6. ggf. Körpertest (Bodyscan) und Verarbeitung der „Reste“
  7. Abschluss, Nachbesprechung
  8. Phase: Überprüfung: immer in einer nächsten Sitzung nach einigen Tagen

1. Phase des EMDR: Anamnese

Diese Infos haben bei mir auf einer 2-seitigen Checkliste Platz, mehr ist es nicht. Wir checken gesundheitliche Probleme (es gibt Kontraindikationen), Stabilität und Belastungsfähigkeit, Lebensumstände, Verwurzelung im sozialen Umfeld, juristische Aspekte und Zeitfenster und Umstände für die konkrete Planung u.a.. Das ist kein umfangreicher Fragenkatalog, wo wir in der Kindheit anfangen und sämtliche Probleme sammeln. Nein, es geht um das Ziel für die Sitzung(en) und die wichtigsten Punkte, um eine Entscheidung zu treffen, ob

  • EMDR in Frage kommt,
  • der richtige Zeitpunkt dafür da ist oder
  • es vielleicht erstmal etwas Anderes braucht oder besser ist.

Erst wenn ich durch die Anamnese den Eindruck gewonnen habe: ja die Person ist geeignet für EMDR, erkläre ich mehr zur weiteren Vorgehensweise. Wir gehen dann zu Phase 2 über. Wenn nicht, schlage ich etwas anderes vor. Z. B. eine lösungsfokussierte Session.

So eine Anamnese kann in 10-20 Minuten stattfinden. Ich spreche hier übrigens vom Coaching und nicht von Therapie in der Klinik. Da gibt es andere Abläufe.

2. Phase des EMDR: Die Vorbereitung

2.a. Erklärung von Ablauf und Theorie

Zur Erklärung gehören einerseits ein Überblick über die Abläufe und andererseits die Erklärung, was im Nervensystem und in der Psyche passiert. Das Stichwort ist hier Psychoedukation. In Podcastfolge 003 „Wissen wie die Psyche tickt“ habe ich bereits davon gesprochen, wie entlastend es ist zu verstehen, was im eigenen Nervensystem passiert und warum ich mit bestimmten Phänomenen zu tun habe. Wenn nicht mehr dem Klienten, sondern dem Nervensystem die „Schuld“ gegeben wird, wirkt schon allein das befreiend.

Dann haben wir ja letztes Mal schon davon gesprochen, dass die Schwierigkeiten vermutlich daraus resultieren, dass zu ihrer Entstehungszeit aus irgendwelchen Gründen unter Stress die mit dem Geschehen verknüpften Elemente chaotisch abgelegt wurden im Hirn.

Hier eine weitere Metapher zur Veranschaulichung:

Stell dir vor, bei dir stapeln sich Akten, Belege und Arbeit ohne Ende, du kommst richtig in Dauerstress. Und weil alles so viel ist und du mal wieder klar Schiff haben willst (oder weil Besuch kommt), machst du als Notlösung einfach irgendeine Kammertür auf und schmeißt z. B. Aktenblätter und Buchungsbelege einfach schnell in die Kammer hinein und machst die Tür wieder zu. Wenn du dann ein Jahr später in deinem Büro sitzt und die Steuererklärung machen willst, wird es schwierig. Denn das, was im Büro herumliegt ist nicht alles, was du für deine Steuererklärung brauchst. Du weißt nicht mehr, dass du vor einem Jahr mal alles in diese Kammer geworfen hast.

Ähnliches geschieht bei Dauerstress ,z. B. durch traumatisch erlebte Erfahrung, im Gehirn. Relevante Informationen sind in unzugänglichen „Ecken“ des Gehirns verteilt. Jedoch schaut ab und zu ein Zipfelchen raus und unerwartet stellt sich das alte Stressgefühl ein. Z. T. sogar ohne genau zu wissen, warum.

Durch Stimulation der beiden Gehirnhälften wird dann sozusagen „aufgeräumt“ im Hirn.  Alle Informationen (Belege und Aktenblätter) werden in ordentlich in die Ordner und Schränkt sortiert. Du kannst dabei entscheiden, was entsorgt werden kann, archiviert oder auf was du weiterhin Zugriff haben willst.

Das funktioniert  am besten, wenn vorher die Netzwerke des Gehirns, die verbunden sind mit Fähigkeiten, Stärken und angeeignetem Wissen sowie hilfreicher Erfahrung zuvor aktiviert wurden. Dann können die dysfunktionalen Bereiche durch die bilaterale Stimulation damit verbunden werden und die Verarbeitung stattfinden. Was ich im Laufe der Jahre gelernt habe, ist, die sogenannte Ressourcenarbeit immer mehr in den Vordergrund zu rücken. Es ist wichtig sie nicht zu übergehen, sondern eher zu vertiefen. Die Verarbeitung mittels EMDR geht anschließend schneller und leichter. Es ist keine Zeitverschwendung, sondern im Gegenteil ein Gewinn. Von der Zeit her und von der Qualität des Verarbeitungsprozesses.

Weitere Metaphern können in Phase zwei zur Aufklärung dienen:

Mit dem Zug durch den Tunnel

In Episode 023 habe ich bereits die Metapher vom Zug eingeführt. Die Phase 4 (Verarbeitung) im EMDR als Zugfahrt mit dem ICE. Wo nochmal alte Erinnerungen vor dem Fenster vorbeisausen. Dazu gehört noch ein Aspekt. Manchmal fährt man ja auch durch einen Tunnel. Das kann schon mal beklemmend sein. Man würde normalerweise nicht auf die Idee kommen, die Bremse zu ziehen und anzuhalten, weil man es im Tunnel vielleicht grad nicht so gut findet. Stattdessen konzentriert man sich darauf, schnell durchzufahren und sich das Licht am Ende des Tunnels vorzustellen, das ja unweigerlich kommt. Im ICE geht es  schnell vorbei. Es hilft sich zu vergegenwärtigen, dass wir ja sicher im Zug sitzen und die Erinnerungen nur Bilder, Gedanken und Gefühle aus der Vergangenheit sind.

Der Tiger ist draußen

Ein weiteres hilfreiches Bild ist ebenfalls mit dem Zug verbunden. Wenn ich mit dem Zug an einem Safaripark vorbeifahre und draußen ein gefährlicher Tiger läuft, würde ich ja nicht den Zug anhalten und aussteigen und mich in diese Situation begeben. So halten wir es auch mit den Erinnerungen, Bildern und Gefühlen der Vergangenheit. Wir konzentrieren uns darauf, dass wir sicher im Zug sitzen und steigen nicht aus bzw. in die alten Bilder, Gedanken und Gefühle voll ein. Wir beobachten sie und lassen sie weiter ziehen. Sie werden ja gerade verarbeitet.

Testen der Stimulationsarten

Um Bekanntschaft mit den Möglichkeiten der Stimulationsarten beider Gehirnhälften zu machen, schlage ich einen Test vor. Es ist gut, alle Variationen vorzustellen, damit der Klient später wählen kann, welche Stimulationsart er bevorzugt. Das kann auch im Laufe der Verarbeitung wechseln.

Gerade beim Verarbeiten von Trauma-Erfahrung ist die Selbstbestimmung an jeder Stelle wichtig hervorzuheben. Das beginnt mit so etwas einfachem wie:

  • Wo sitzen wir im Raum?
  • Welcher Hintergrund ist für dich am angenehmsten (Blick aus dem Fenster, weiße Wand, Pflanze etc.)?

Wir setzen uns versetzt gegenüber in dem Abstand, den der Klient bestimmt.

Wichtig bei den Tests ist, dass sie kurz sind! Längere Stimulation könnte bereits einen Verarbeitungsprozess auslösen und das wollen wir in Phase 2 unbedingt vermeiden.

Bei der Stimulation über Augenbewegungen ist die klassische Variante, die Finger vor dem Klienten hin- und herzubewegen. Das kann horizontal, diagonal, vertikal, in Wellenform oder mit einer liegenden Acht erfolgen. Wir testen auch den Abstand der Finger vor den Augen und die Geschwindigkeit.

Wir testen akkustische Stimulation z. B. mittels Holz- oder Kunststoffrasseln, die wechselweise vor dem rechten und linken Ohr gerasselt werden. Auch da testen wir Entfernung vom Ohr und Geschwindigkeit des Rasselns.

Taktile Stimulation testen wir mittels Tappen auf den Handoberflächen, abwechselnd rechts und links oder Ausstreichen der Handinnenflächen rechts und links im Wechsel. Hier testen wir Druck und Geschwindigkeit des Tappens. Achtung: vor der Berührung fragen, ob es gewünscht wird. Sonst bitte keine taktile Stimulation.

Das sind die gängigen Stimulationsarten, die ohne technische Geräte funktionieren. Ich persönlich bevorzuge sie, weil man sehr fein reagieren und variieren kann in der Stimulation.

Der Klient bestimmt später die Stimulationsart und kann sich auch jederzeit einen Wechsel wünschen. Daher ist es wichtig, vorher getestet zu haben.

Als nächstes folgt Ressourcenarbeit

Denn wir wollen ja die neuronalen Netzwerke aktivieren, die mit Fähigkeiten, Stärken, hilfreichem Erlerntem und Wissen verknüpft sind. Dazu gibt es im EMDR mehrere Möglichkeiten.

Eine davon heißt „Wohlfühlort“.

Jetzt geht es darum, sich zu überlegen, welches Wohlgefühl besonders hilfreich ist:

Stärke, Gelassenheit, Geborgenheit – was auch immer ein besonders hilfreiches Wohlgefühl ist.

Dann wird der Klient eingeladen zu überlegen, wo er ein solches Wohlgefühl schon Mal hatte. Die Situation mit allen Sinnen auszumalen.

Wir testen, ob sich das Wohlgefühl mit der Situation mit einer Stimulation nach Wahl verstärken lässt. Hierbei verwenden wir kurze Stimulations-Serien (im Gegensatz zur Verarbeitung). Häufig lässt sich das Wohlgefühl noch steigern. Manchmal ist es auch so, dass es „tiefer“ in den Körper kommt, selbstverständlicher wird. Meist findet sich ein Schlagwort oder Motto, das das Wohlgefühl und die erinnerte Situation beschreibt.

Das Wohlgefühl  wird mit dem Schlagwort oder Motto im Körper mit einer ganz kurzen Stimulations-Serie verankert.

Dafür gibt es einen genauen Ablauf. Am Ende gibt es eine Art Ökocheck. Dabei geht es darum zu testen, ob der Klient das Wohlgefühl mit dem Anker wieder alleine aufrufen kann. Und ob es als Switch auch in einer kleinen Belastungssituation funktioniert.

Es gibt geschulte Menschen, die ähnliche Übungen schon mal anderenorts gemacht haben und sagen: „Hab schon so einen Ort, brauchen wir nicht nochmal machen.“ Immer wieder stellte ich Erstaunen fest, dass da noch mehr Wohlfühlorte sind. Und dass es gut ist, eine Auswahl zu haben.

Häufig kommt man in der ersten Stunde oder Sitzung bis zu diesem Punkt und kann mit einer solchen Wohlfühlübung einen guten Abschluss machen. Dann gibt es ein kleines Erinnerungskärtchen mit nach Hause mit dem Satz/Motto und dem Anker zur Wiederholung für zu Hause.

Und das ist auch ein guter Abschluss für uns heute.

Nächste Woche geht es dann um die Phasen 4 bis 8 des EMDR.

Der Heartify® Adventskalender, in dem ab dem es im Dezember jeden Tag einen stärkender Gedanken gab. ist leider vorbei. Du kannst ihn jedoch im Podcast nachhören (Folgen A01 – A24) Viel Vergnügen!

Kathrin (Stamm)

 

About the Author

Mach es DIR leichter anderen zu helfen! Mit diesem Motto hat Kathrin Stamm viele hilfreiche Tipps und Tricks auf Lager, wie du als Coach und Berater mehr Leichtigkeit in dein Leben und das deiner Klienten bringst. Hol dir die Praxistipps direkt aufs Ohr mit ihrem Podcast https://heartify.life/podcast-coachingoase

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